Rheinsteig (27) – es ist vollbracht!

Auf Goethes Spuren

Auf dem Rheinsteig von Schlangenbad nach Wiesbaden

gelaufen am 03. August 2017  –  offiziell die 21. Etappe, meine persönliche Etappe 27

18,8 km (mit Zuweg und Umleitungen)

So im Vorübergehen schenkt uns das Leben immer schöne Augenblicke, einfach nur, weil es ihm Freude macht, uns lachen zu sehen!

Der Weg heute war wieder so vielfältig, die verschiedenen Wegabschnitte so mannigfach und unterschiedlich, dass es mir am Ende gar nicht so leicht fällt, mich an alle Eindrücke zu erinnern. Aber ich will es versuchen:

Nach genau zwei Jahren und einem Tag, seit meiner allerersten Etappe stehe ich nun wieder am Rheinsteig und starte zum Zieleinlauf von Schlangenbad nach Wiesbaden. Die Nacht habe ich sehr ruhig und komfortabel in einem großen Appartement im „Residenz & Hotel Am Kurpark“ verbracht und da ich schon um 7 Uhr frühstücken konnte, starte ich bereits um 8 Uhr meine Wanderung. Mein Auto bleibt bis heute Abend in Schlangenbad stehen. Die Etappe gehört mit offiziell 16,5 km zu einer meiner längeren Touren, aber die meiste Zeit soll es bergab gehen, so dass ich zuversichtlich bin, es gut zu schaffen. Letzten Endes werden es aber 18,8 km, weil ich wegen Bauarbeiten und Sturmschäden drei Umwege gehen muss.

Auf den ersten Schritten durch den Schlangenbader Kurpark und durchs anschließende Tal der Walluf hinauf nach Georgenborn sehe ich wieder die Zeugnisse des heftigen Unwetters von vor drei Tagen: entwurzelte Bäume und abgeknickte Äste versperren mir den Weg. Zufahrten zu Häusern sind zwar mittlerweile geräumt und Sperrbänder flattern nur noch lose im Wind, aber weiter oben im Wald ist das Vorbeikommen an den ausladenden Baumkronen, die quer über dem Weg liegen, schwieriger. Ein Absperrband bei Georgenborn ignoriere ich, denn es bezieht sich offensichtlich auf den gerade von mir überwundenen Wegabschnitt.

 

Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster hatte ich mich entschlossen, die langen Hosenbeine wieder an meiner Zip Off-Hose zu befestigen und eine Regenjacke einzupacken. Der Himmel ist um 8:30 h noch ziemlich bedeckt, es ist nur 21° C warm, aber dafür unheimlich schwül! Jetzt klebt mir die Hose schon an den Beinen und ich bin bereits nass geschwitzt. Doch laufen sich die ersten 3 Kilometer auf die 332 m hohe Anhöhe von Georgenborn wie von alleine.

Es ist still im Wald, mir begegnet erst einmal kein Mensch. Das ist aber unter der Woche nicht so verwunderlich. Doch auch Tiere lassen sich nicht blicken. Dafür entdecke ich sehr viele riesige Parasol-Pilze in allen Wachstumsstadien. Die ausgewachsenen haben Kuchenteller-große Schirme.

Sehr schöne Waldpfade führen zum Rechtebachtal hinab und dann wieder hinauf zur Ludwig Schwenk Hütte am „Grauen Stein“, eine große Felswand, die mitten im Wald aus dem Boden ragt.

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Hier wimmelt es plötzlich vor Menschen, „Gassigeher“ und Wanderer gleichermaßen sind unterwegs. Direkt neben dem grauen Stein ist ein großer Parkplatz und sogar eine Bushaltestelle. Ein merkwürdiges Holzschild erfasst meine Aufmerksamkeit:

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Was, bitte, soll in 850m sein? Ist das die Länge des Weges bis zur nächsten Kreuzung? An anderer Stelle weist ein ebensolches Schild auf 500m hin. Das Rätsel klärt sich, als ich näher herangehe und ganz schwach noch „Terra Levis“ lese. Ach ja, hier ist der Wiesbadener Bestattungswald. Die Bushaltestelle trug ja ebenfalls diesen Namen. Ob „Bestattungswald“ die Endstation ist?

Auf weichem Waldboden erreiche ich den Parkplatz am Monstranzenbaum (dazu gibt es eine Legende, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte) und nun folgt eine 1,5 km lange Waldpassage über einen Forstweg sanft bergab ins Lindenbachtal, welches sich nach Öffnung des Waldes als liebliche Wiesenaue präsentiert.

Da tönen plötzlich Flötenklänge durch die Luft. Jemand spielt auf einer Altblockflöte oder einer indianischen Flöte eine einfache und ruhige Melodie. Zu dem Vogelgezwitscher und dem Plätschern des Bächleins eine ungemein stimmige Ergänzung! Ich bleibe eine Weile stehen und lausche.

Nun geht es einen kleinen Pfad links den Hang hinauf. Es ist der „Schlangenpfad“, benannt nach der harmlosen Äskulapnatter, die in dieser Gegend recht häufig vorkommt. Doch wie ich meine Sinne auch anstrenge und die Ritzen der Trockenmauer und das Gras zu meinen Füßen beobachte, zeigt sich mir keines dieser wärmeliebenden Tiere. Oder hätte ich auch eine Flöte mitnehmen und mich als Schlangenbeschwörerin versuchen sollen?

 

Von der Höhe aus kann ich zum ersten Mal einen Blick auf Walluf am Rhein, die ersten Häuser von Wiesbaden-Schierstein und das gegenüberliegende Mainz werfen. Doch ist es recht diesig.

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Ich erreiche um 10:15 h Frauenstein, den westlichsten Stadtteil Wiesbadens. Es ist ein Dorf inmitten von Weinbergen. Ich steige über Wohnstraßen hinab in den Ortskern und von diesem direkt wieder, entlang eines herrlichen Wiesenweges, steil hinauf zum Waldrand oberhalb der Weinberge.

Von hier kann ich auch wieder den Rhein sehen! Und ich treffe die beiden rüstigen Herren von gestern wieder.

Nun kommen wir zu Goethe, d.h. dem Goethestein, einer obeliskartigen Steinpyramide, die zu seinem Gedenken am „Spitzen Stein“ (einem Quarzitsteinbruch an dieser Stelle) errichtet worden war, nachdem Goethe am 6. Juli 1815 während seiner zweiten Kur in Wiesbaden hier hinaufgestiegen war und rühmende Worte ob der schönen Aussicht verloren hatte. Der geologische Geist in ihm konnte sich danach im Steinbruch austoben.

 

Auch im Weingut Hof Nürnberg, einem Ausflugslokal mit Weitblick, soll Goethe eingekehrt sein. Ich mache es ihm gleich und lege hier eine Pause ein.

Von dort, etwa der Hälfte der heutigen Etappe, geht es nur noch bergab bis zum Ziel. Der Weg verläuft nun ein längeres Stück durch Weinberge und Obstplantagen, die aber weniger steil als die im Rheintal sind. Ich erreiche das Leiterbachtal. Hier kommt mir ein junger Wanderer mit großem Trekkingrucksack entgegen. Ob er wohl heute seine allererste Etappe auf dem Rheinsteig in Wiesbaden läuft? Wie findet er den Weg? Welche Begegnungen wird er haben? Diese Fragen stelle ich mir mit all meinen Erlebnissen dieses schönen Weges im Hinterkopf.

Weiter führt der angenehm zu gehende Wiesenweg durch ausgedehnte Kleingärten bis nach Schierstein. Hier muss ich wegen Bauarbeiten an der Autobahn einen unschönen Umweg in Kauf nehmen. Schaut her:

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Überhaupt wird es jetzt städtisch. Es geht durch einen, auch für mich „Zwergin“, niedrigen Tunnel und entlang eines Baches an Mietshäusern vorbei. Nach Überquerung einer größeren Straße hat die Natur mich aber schon wieder, denn entlang einer Nebenstraße mit einseitiger Baumallee erreiche ich auf einem Pfad durch die Wiesen um 13 Uhr den Schiersteiner Yachthafen.

 

Es erfreut mich, auf dem Hafengebäude das Wort „Ziel“ zu lesen. Endlich wieder am Ufer des Rheins zu stehen lässt schnell das Gefühl aufkommen, endlich am Ziel zu sein.

Wenn ich an dieser Stelle den Damm rheinabwärts gefolgt wäre, hätte ich möglicherweise eine große Weißstorchkolonie sehen können. Ich hatte es vorher kurz überlegt, doch brennen mir jetzt schon die Füße und es ist richtig heiß. Aber das Wunderschönste ist, dass mit Erreichen des Rheins die Sonne herauskommt!

Nein, ich entscheide mich, dem blauen Rheinsteigzeichen treu weiterzufolgen – was sich leider als Sackgasse herausstellen wird: Denn der Weg führt einmal um das Hafenbecken herum, über eine geschwungene hübsche Fußgängerbrücke hinüber zum Alten Damm und soll dann flussaufwärts bis zum Schloss Biebrich gehen, das ich in der Ferne schon sehen kann.

 

Doch, oh Schreck, der Weg hinter der Brücke ist gesperrt! Vermutlich sind auch hier während des Sturms Bäume umgefallen. Da ich nicht weiß, wie es auf dem gesperrten Weg aussieht und am Ende des Damms weitergeht, entschließe ich mich zähneknirschend zur Umkehr, muss also das gesamte Hafenbecken erneut umrunden und wandere eben dem Hafenbecken auf der anderen Seite folgend flussaufwärts. Zur Versöhnung gönne ich mir auf dem Weg ein leckeres Eis.

120Römische Jupitersäule von 221 v. Chr., gefunden 1888 in Schierstein

Und hier nach 15 Kilometern will ich eigentlich nur noch ankommen. Ein stärkerer Wind kommt auf und weil es durch eine Platanenallee geht, schaue ich nur, dass mir keine der kleinen herabfallenden Zweige oder Früchte auf den Kopf fallen. Der Weg über Asphalt ist beschwerlich. Am Ende des Hafenbeckens hätte es einfach geradeaus unter der Schiersteiner Brücke hindurch gehen können, doch leider ist hier seit Jahren eine Baustelle und der Durchweg gesperrt, so dass ein erneuter, unschöner Umweg nötig wird.

Der restliche Weg schlängelt sich am Rheinufer entlang durch die Auen. Bauminspekteure schauen nach, wie der Zustand der Bäume nach dem Sturm ist, Grünflächenamtsmitarbeiter sammeln Zweige auf. Endlich erreiche ich um 14:30 Uhr das Biebricher Schloss, das Ende des Rheinsteigs. Und als hätte es der Wettergott gerade für mich so eingerichtet, erstrahlt das Schloss in schönstem Sonnenschein vor knackeblauem Himmel!

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An der Anlegestelle der Köln-Düsseldorfer Schifffahrtsgesellschaft hole ich mir noch den allerletzten Stempel für mein Stempelheft ab. Es ist voll. Es ist vollbracht.

Meinen Traumsteig habe ich von Norden nach Süden erwandert und habe damit mein Ziel, welches ich mir 2015 gesteckt hatte, erreicht. Stolz, aber auch ziemlich verschwitzt und erschöpft, setze ich mich in den nächsten Bus, fahre zum Wiesbadener Hauptbahnhof und von dort mit einem anderen Bus zurück nach Schlangenbad zu meinem Auto. Die Fahrt dauert insgesamt eine Stunde und währenddessen kann ich immer wieder einen Blick auf die Gegend erhaschen, die ich durchwandert habe: die Weinberge, Hof Nürnberg, der Goethestein, Frauenstein und Georgenborn.

Auch auf der Rückfahrt nach Bonn, die ich am Rhein entlang mache, kann ich alle Etappen noch einmal Revue passieren lassen. Ich habe so viel erlebt in den vergangenen zwei Jahren, für das ich unheimlich dankbar bin!

 

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