Unwetter auf dem Rheinsteig (26)

Kurz vor dem Zieleinlauf

Auf dem Rheinsteig von Kiedrich nach Schlangenbad (bzw. umgekehrt)

gelaufen am 02. August 2017 – offiziell die 20. Etappe, meine persönliche Etappe 26

10,2 km (mit Zuwegen)

Es ist Mittwoch, der 2. August 2017. Ich sitze um 7 Uhr morgens im Auto und fahre von Bonn den Rhein hinauf Richtung Wiesbaden. Es wird ein schöner Tag und ich bin voll freudiger Erwartung, denn ich habe vor, heute und morgen mein Rheinsteig-Projekt zu vollenden und die letzten beiden Etappen zu wandern. Es fehlen mir noch etwa 27 km dieses traumhaften Wegs zwischen Kiedrich und Wiesbaden (ausgenommen einer Lücke bei Sankt Goarshausen – aber dazu später mehr). Die Übernachtung hätte ich lieber in Georgenborn eingeplant, um die zwei Etappen etwa gleich lang zu halten. doch weil dort alles ausgebucht war, musste ich auf ein Hotel in Schlangenbad ausweichen. Somit ist die heutige Etappe nur eine kurze. Mit einem Blick in die Wettervorhersage hatte ich diesen Mittwoch und Donnerstag als die besten Tage für mein Unterfangen ausgewählt. Für Dienstag waren noch Gewitter angesagt gewesen.

Besagter Dienstag kam. Bei uns regnete es stark, aber es war kein Unwetter. Doch es gingen dennoch Horrormeldungen durch die Presse: Wiesbaden wäre so stark vom Unwetter getroffen worden, dass der Strom ausgefallen war. Da überlegte ich ernsthaft, ob ich überhaupt fahren soll. Aber ich freute mich doch so unbändig darauf und die weiteren Wetteraussichten waren wirklich gut!

Also fuhr ich am Mittwoch trotzdem los und erreichte Schlangenbad gegen 9: 40 h.

Ich lief diese vorletzte Etappe in umgekehrter Richtung, also von Schlangenbad nach Kiedrich, einmal weil es überwiegend bergab ging, zum anderen, weil ich schon mehr als zwei Stunden Anfahrt hinter mir hatte und nicht noch eine weitere Stunde Bus fahren wollte.

Vor Ort präsentierten sich mir dann die gewaltigen Zeugnisse des Unwetters. Der Einstieg von der Rheingauer Straße in den Rheinsteig war direkt gesperrt. Nicht verzagen, Umweg suchen, denn der Weg war sichtbar durch einen Baum versperrt.

Es war beeindruckend, mit welcher Schlagkraft der Sturm hier gewütet hatte. Mehrere mächtige Bäume im Park waren abgebrochen oder umgeknickt, im Wald gab es auch entwurzelte Bäume. Doch bei den meisten war einfach die Baumkrone abgeknickt. Die verletzten Stämme ragten einsam in den Himmel. Überall lagen weitverzweigte Äste herum, auch auf dem Wanderweg, den ich über einen kleinen Umweg noch erreichte. Mir war sehr mulmig zu Mute, denn es hätten jederzeit ja noch weitere Bäume umfallen oder Äste abbrechen können, was tags darauf an der Landstraße tatsächlich passiert ist. Ich horchte auf jedes Knacken und Knarzen. Viele Stämme wurden nur noch von den Nachbarbäumen gehalten.

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Sehr ihr die Bank unterm Baum

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An einem Café

Ich bat um göttlichen Schutz für meine heutige Wanderung und suchte mir vorsichtig um jedes Hindernis einen Weg. Natürlich war es unvernünftig, nach einem Sturm durch den Wald zu laufen, doch wenn man die Wanderung schon länger geplant hatte und die Sonne so harmlos vom blauen Himmel scheint, will man doch deswegen nicht alles wieder abblasen.

Je tiefer ich in den Wald kam, desto seltener waren Sturmschäden zu sehen. An den Waldrändern oder an breiteren Wegen hatten die Bäume eher keinen Halt mehr vor den Wettergewalten gefunden. Einen Vorteil hatte die ganze Geschichte aber: es duftete ungemein gut nach Harz und frischem Nadelgrün.

Nach den ersten wirklich schönen Kilometern durch den Wald erreichte ich eine eingefasste Quelle und ein hübsch gelegenes Wassertretbecken. Ein älterer Herr war gerade dabei, das Becken zu reinigen, wofür er das Wasser abgelassen hatte. Ich unterhielt mich kurz mit ihm über das Wüten des gestrigen Tages und dankte ihm für seine vermutlich ehrenamtliche Arbeit.

An einer Weggabelung fielen mir hübsche, blütenartige Holzmaserungen an einem Holzstapel auf. Sie erinnerten etwas an das Kerngehäuse bei einem aufgeschnittenen Apfel. Ich habe später einen Förster befragt und erhielt die Antwort, dass es sich um Astquirle handelt, Stellen, an denen Äste aus dem Stamm herausgewachsen sind. Da an Nutzholz manchmal die Äste frühzeitig abgeschlagen werden, wächst die Borke darüber und man sieht diese Stellen erst wieder, wenn der Baum genau dort durchgesägt wird.

Und dann verlief der Rheinsteig ein 3 km langes Stück parallel zur „Rundtour Rauenthaler Spange“ (http://www.wanderinstitut.de/premiumwege/hessen/rauenthaler-spange/), ein am Rheinsteig gelegener Rundweg, markiert mit einem roten Rheinsteigzeichen. In regelmäßigen Abständen standen Schilder und erläuterten die Besonderheiten dieser Gegend. Interessant!

Bevor es hinab in den Buchwaldgraben ging, verlief der Rheinsteig über eine große Waldlichtung mit einer Blumenwiese. Der Weg wurde von jungen Obstbäumen flankiert, in der Wegkurve stand ein Tisch mit Bänken. Die Wiese war voller bunter Blumen. Einfach herrlich!

Und in diesem Panorama hatte ich eine beglückende Begegnung mit einem Rehbock, der mich erst gar nicht wahrnahm und äsend näher und näher kam. Ich blieb stehen und beobachtete ihn. Erst als er 15 Meter vor mir auf dem Weg stand und ich den Auslöser meiner Kamera drückte, erschreckte ihn das Geräusch und er flüchtete. Solche bezaubernde Momente erlebt man eher, wenn man alleine unterwegs ist.

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Im Abstieg von der idyllischen Wiese begegneten mir zwei Wanderfreunde im Rentenalter. Sie schnauften den Berg hinauf und wiesen deutliche Anzeichen ihrer Anstrengung bei dem schwülen Wetter auf. Ich war froh, den Berg hinunter schlendern zu dürfen. Die starke Sonne saugte die Feuchtigkeit förmlich aus dem Boden auf.

Da hörte ich im Wald plötzlich eine Kirchenglocke 12 mal schlagen und ein längeres Geläut setzte ein. Ich befand mich ganz in der Nähe von Rauenthal. Der Weg schlängelte sich gemächlich bergab entlang des Buchenwaldgrabens. Der Weg war sanft, es lief sich leicht. Die Wanderstöcke lagen heute mehr in meiner Hand, als dass ich sie zum Gehen benutzte. Ich mochte sehr oft zur Kamera greifen, um die Eindrücke am Wegesrand festzuhalten.

An einer Wiesenaue, beim Zusammenfluss von Buchwaldgraben und Sulzbach liegt das Alte Forsthaus mit seiner Gartenwirtschaft Rausch. Zeit für eine Tasse Cappuccino.

Unweit von hier befindet sich auch eine Salzquelle, jedoch ist ihr Mineraliengehalt so gering, dass es sich nicht lohnt, sie kommerziell zu nutzen, doch führt ein ausgeschilderter Pfad zum Salzborn. Wenn man Glück hat, entdeckt man in diesem Gebiet auch die Äskulapnatter.

Ich setzte meinen Weg zunächst entlang des Sulzbachs fort, dann stieg ich hinauf zum Waldrand, wo sich mir ein weites Panorama über den Rheingau hinunter zum Rhein und über die Hänge am gegenüberliegenden Ufer bot. Kiedrich mit seiner markanten Kirche trat in mein Sichtfeld, umgeben von Weinreben.

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Doch zunächst musste der Weinberg umrundet werden. Der Weg führte mich an der Ruine Scharfenstein vorbei und von dort über einen Treppenweg hinab zum Kiedricher Bach, dem entlang ich in den Ort folgte.

An einer Felswand fiel mir dieser Wanderstock-ähnliche Stab auf. Weiß jemand, was das ist? Vielleicht ein Sensor für Felsbewegungen?

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Ich erreichte das pittoreske Wein-Örtchen und schlenderte noch eine Dreiviertelstunde durch die Straßen, bis mein Bus Richtung Eltville kam.

Eine Hausinschrift lautete: Am Rausch ist nicht der Wein Schuld, sondern der Zecher!

 

In Eltville musste ich dann noch einmal 55 Minuten auf meinen Anschlussbus nach Schlangenbad warten. Das nutzte ich für einen Bummel durch die nette Altstadt:

Ich wurde den Tag über gut behütet. Gott sei Dank!

 

 

 

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