Das wilde Verzascatal

Valle Verzasca im Tessin,

Sentiero Verzasca Nr. 74, Etappe 1

Wanderung entlang des Flusses Verzasca von Sonogno bis Lavertezzo

13 km  (mit Zuwegen 14,4 km)

gewandert am 21. August 2017
Nähere Informationen zum Weg: http://www.wanderland.ch/de/routen/etappe-01659.html
oder
https://www.outdooractive.com/de/wanderung/tessin/verzascatal-von-sonogno-nach-lavertezzo/112305320/

 

Vor dem Urlaub wurde uns das Verzascatal sehr ans Herz gelegt. Vor Jahren bin ich auch schon mal dort gewesen und erinnere mich noch, wie schön es dort ist.

Doch in meinem Wanderbuch wird dieses Tal gar nicht erwähnt. Komisch. Und von den Tessinern kam die Warnung, das Verzascatal sei mittlerweile unheimlich überlaufen, seit ein Mailänder Blogger online so von diesem Tal geschwärmt habe. Ts…ts…ts… wer macht denn soooo was!?

Wir ließen uns nicht abschrecken, wählten aber bewusst den Montag als den vermutlich am wenigstens frequentierte Verzascatal-Besuchs-Wochentag.

Nur 9 km Autofahrt waren es bis zum Stausee Lago die Vogorno am Ende des Verzascatals. Die beeindruckende, gewölbte Staumauer, die so Vielen aus dem Film „Goldeneye“ bekannt ist, weil James Bond dort hinuntersprang, ist auch heute noch eine Attraktion für Bungee-Sprünge. Sie war uns einen kurzen Stopp wert. Zu dieser Vormittagsstunde fuhren zum Glück noch keine Touristenbusse vor. Still lag der Stausee und die ganze Szenerie noch vor uns.

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Doch zog es uns schnell wieder weiter, einerseits weil ständig neue Autos sich die kurvige Bergstraße das Tal hinaufschoben, andererseits wollten wir ein bestimmtes Postauto (Bus) bekommen. Wir parkten das Auto auf dem ersten freien Parkplatz ca. 200 Meter hinter dem Ort Lavertezzo auf 536m Höhe. 20 Minuten später kam das Postauto, gleich in doppelter Ausfertigung, um all die Wanderer und Badeausflügler aufnehmen zu können. Nicht jeder hier wollte wandern gehen, viele Menschen kamen „nur“ zum Baden, denn der Fluss bildet zwischen den großen Felsen immer wieder große Becken und die flachen Felsen laden zum Sonnenbaden ein. Auch wir hatten die Badesachen im Rucksack dabei. An mehreren Stellen wird aber mit Schildern davor gewarnt, wie gefährlich das Baden hier sei, denn es gibt Strudel und Strömungen und plötzliche Wasseranstiege, wenn es oben in den Bergen geregnet hatte, so dass es leider in der Vergangenheit schon zu tödlichen Unfällen gekommen ist.

Mit dem Postauto fuhren wir ca. 30 Minuten nach Norden ins Tal hinauf bis Sonogno, das auf 916 Höhe liegt. Dort schauten wir uns das malerische Dörfchen erst einmal etwas näher an, besuchten die Kirche und auch den Laden mit kunsthandwerklichen Produkten aus dem Tal.

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Sonogno (Verzascatal)

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Wir ließen uns viel Zeit, denn mit dieser Strategie bezweckten wir, die meisten Wanderer aus unserem Bus abzuhängen, so dass wir nachher den Wanderweg für uns alleine hatten. Die Strategie ging auf, zumindest überwiegend. Auf einer Brücke in der Nähe der Sportanlagen überquerten wir den Fluss. Aber wo war er denn? Ein breites Flussbett mit Unmengen an hellen, in der Sonne blendenden runden Steinen war zu sehen, doch ein nur unmerkliches Rinnsal bahnte sich seinen Weg hindurch. An der erstbesten Stelle betraten wir das ausgetrocknete Flussbett und begannen Steine zu sammeln. Als wenn die Rucksäcke nicht schon schwer genug wären! Aber es gab so viele, so wunderschöne Exemplare! Weiße, schwarze, gelbliche und grünliche. Ich kenne mich mit Gesteinen nur wenig aus, deshalb kann ich nicht sagen, was die Vielfalt dieser Gesteinsmaserungen hervorgebracht hat, aber diese hier glitzerten alle stark in der Sonne (Glimmer?) oder waren zwei- und dreifarbig marmoriert!

Aber wir mussten uns losreißen. Die 13 km zurück zum Auto liefen sich schließlich nicht von alleine und so genossen wir erst einmal den Weg an der Hangkante entlang, der mal über Felsenstufen hoch und wieder runter und dann wieder durch Wiesen und ein Auenwäldchen verlief.

An einer Stelle floss parallel zur Verzasca ein idyllisches Bächlein, welches sich sanft in die Wiese eingegraben hatte und in aller Stille ganz ruhig vor sich mäandrierte. Schwarzerlen und Birken säumten seine Ufer und Schmetterlinge tanzten in der Sonne. Diese Stimmung war so ganz anders als am rauschenden Gebirgsbach nebendran.

Der weitere Weg verlief mal rechts, mal links des Flusses. Er gestaltete sich ähnlich einer gewaltigen Symphonie, die durch virtuose Crescendi zu einem gewaltigen fulminanten Höhepunkt anwächst, denn nach jeder Wegbiegung erschienen neue, noch viel schönere Ausblicke und Farbklänge. Da der Weg nicht direkt unten am Ufer verlief, konnte ich nicht alle Eindrücke so gewaltig wie ich sie empfand mit der Kamera festhalten.

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Über den Weg, der an jeder Stelle unheimlich schön war, kann ich gar nicht mehr so viel berichten. Wir blieben viel stehen, schauten auf das Wasser, fotografierten und staunten über die Steinmännlein oder hochkant stehenden Steine im Fluss. Hat da auch wirklich niemand mit der Heißklebepistole nachgeholfen?? 🙂

In der Nähe von Brione Verzasca fanden wir eine ehemalige Wolfsfalle, „Lüèra“ genannt. Im Tessin spricht man zwar italienisch, aber es begegneten uns immer wieder Namensschilder mit Begriffen, in denen die Umlaute Ö und Ü verwendet wurden. Der Wolf wurde mittels lebendem Köder in dieses gemauerte Loch gelockt, welches an anderer Stelle auch schon mal eine überhängende Felswand als Dach hatte und dann kam er aus eigener Kraft nicht mehr heraus. Die Falle war aber wohl ursprünglich tiefer als heute.

DSCN5211Wenn der Fänger den Behörden eine Pfote des Wolfes brachte, erhielt er eine Belohnung. (Ich denke, da holte man sich pro Wolf sicherlich 4 Belohnungen ab :-)). Laut Statistik sollen im 19. Jahrhundert 246 Tessiner Wölfe in die Falle gegangen sein. 1908 wurde das letzte Exemplar im Verzascatal erlegt. Im Jahr 2001 tauchte wieder ein Wolf im Tessin auf.

Weitere Impressionen vom Fluss:

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Suchbild mit Mensch

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Auf den letzten 5 km ab Brione Verzasca gingen wir auf dem Kunstweg. Hier hatte es mal mehrere Installationen gegeben, die jetzt teilweise noch gut zu sehen waren, teilweise aber nur noch in Resten vorhanden sind.

Der Weg verlief jetzt mehr durch einen Buchenwald oberhalb der rauschenden Verzasca. An einer Schlucht, wo es einen Zufluss von einem Wasserfall herab gab, mussten wir auf Stegen die riesigen Felsbrocken und -spalten queren.

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Kurz danach passierten wir eine glatte steile Felswand, die sich beängstigend schräg über den Weg neigte. Da an ihrem Fuß eine tiefe Felsspalte klaffte, sah es auch noch so aus, als würde die Wand gar nicht auf der Erde stehen und könnte jederzeit kippen. Ui ui ui!

Erst am frühen Abend erreichten wir Lavertezzo. Der Ort ist bekannt für seine hübsche Steinbrücke mit den zwei Bögen über türkisgrünes Wasser, was an dieser Stelle sehr tief und so klar ist, dass man problemlos von der Brücke bis auf den Grund schauen kann. Hier sind die beliebtesten Badestellen. Ins Wasser lockte es uns jetzt allerdings nicht mehr.

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An diesem Tag kam ich mir so richtig „abgefüllt“ vor. Besser gesagt: „erfüllt“, denn so unendlich viele Eindrücke und wunderschöne Naturerscheinungen durfte ich an einem Tag genießen.

8 Antworten auf „Das wilde Verzascatal

  1. Sehr schöne Beschreibung des Versasca-Tales. Ich habe gerade in Erinnerungen geschwelgt. Vor ein paar Jahren war ich mehrmals im Versasca-Tal, um den Höhenweg Via alta della Versasca zu gehen. In fünf Tagesetappen kann man den anspruchsvollen VAV von der Capanna Borgna bis zur Capanno Barone (nördlich von Sognogno) auf einer Höhe zwischen 1700m und 2700m erwandern. Das Tessin hat tatsächlich viel an Schönem zu bieten.

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