Rheinsteig (19) – im Freistaat Flaschenhals

Unterwegs auf dem Rheinsteig zwischen Kaub und Lorch

15,3 km (inkl. Zuwege), die offizielle 16. Etappe, meine persönliche Etappe 19

gewandert am 25. September 2016

gpx-Track: https://www.tourenplaner-rheinland-pfalz.de/de/tour/praedikats-fernwanderweg/rheinsteig-16.-etappe-kaub–lorch-nord-sued-/1558249/#dm=1

In den letzten Wochen war das Schreiben meiner Berichte vom Rheinsteig meine Belohnung für getane Arbeit. Andere gönnen sich auch etwas Schönes, wenn sie viel zu tun haben, ich habe mir Zeit gegönnt und mir erlaubt, zu schreiben. Jetzt ist wieder so ein Moment. Ich möchte meine Berichte nämlich nicht mehr so lange hinziehen lassen, da ich noch weitere in petto habe von meinen Wanderurlauben des letzten Jahres.

Es ist Ende September, strahlender Sonnenschein und warm bis weit über 25° C. Da muss man doch hinaus! Bei meinen letzten beiden Etappen fehlten mir ja noch einige Kilometer und für die kommende Tour wollte ich mit dem Bus zum Start fahren, der aber nur wochentags als Taxibus auf Bestellung fährt, so dass ich mich für diesen Sonntag für die übernächste Etappe von Kaub nach Lorch entscheide.

Ich komme früh um 7:30 h zu Hause weg und bin um 9:30 h in Kaub. Wie so oft beginnt der Weg als erstes bergauf: Es geht kurvig bergan zur Burg Gutenfels, einem Hotel in altem Gemäuer. Ich lasse den Zuweg dorthin links liegen und steige motiviert weiter hinauf, vorbei an einem ehemaligen Schieferabbaugebiet. Der Morgen ist wunderschön, strahlend und mit tollen Ausblicken auf den Rhein mit seiner mitten im Strom thronenden Burg Pfalzgrafenstein.

 

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Burg Pfalzgrafenstein im Rhein

An der höchsten Stelle angekommen geht es erst einmal wieder deutlich hinab. Mit Blick auf den Rhein bemerke ich, wie niedrig der Wasserstand ist. Man sieht mehrere Felseninseln, Kiesbänke und sogar Strömungsbunen, die mir noch nie zuvor aufgefallen waren.

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Bald erreiche ich die hessische Landesgrenze in einem idyllischen Bachtal. Ein Grenzstein, ein Wächterhäuschen und ein Schild weisen darauf hin, aber auch ein Pfahl mit einem Münzschlitz wirbt für eine Spende für den Grenzvogt. Mit Überschreitung der Grenze trete ich gleichzeitig in ein Kuriosum ein, in den „Freistaat Flaschenhals“. Die Menschen in dieser Gegend sind wohl ziemlich stolz drauf, denn sie werben damit und man findet viele Schilder dazu.

Als Freistaat Flaschenhals bezeichnete sich ein schmales Gebiet zwischen dem Rhein und dem unbesetzten Teil der preußischen Provinz Hessen-Nassau, das nach Ende des Ersten Weltkriegs vom 10. Januar 1919 bis zum 25. Februar 1923 bei der alliierten Rheinlandbesetzung unbesetzt blieb, jedoch vom übrigen unbesetzten Deutschland faktisch isoliert war. Nach Kriegsende wurde im Waffenstillstand von Compiègne die Besetzung des linksrheinischen Gebietes durch die Alliierten und zusätzlicher Brückenköpfe bei Köln (britisch), Koblenz (US-amerikanisch) und Mainz (französisch) angeordnet. Zwischen dem US-amerikanischen Brückenkopf von Koblenz und dem französischen Brückenkopf bei Mainz, die jeweils einen Radius von 30 km hatten, blieb ein schmaler Streifen zwischen dem Rheintal und Limburg an der Lahn unbesetzt“ (…) Dieser Streifen ähnelt einem Flaschenhals.

„Heute wird die Bezeichnung Freistaat Flaschenhals zur Tourismusförderung der Region verwendet. Zu diesem Zweck wurde 1994 die „Freistaat-Flaschenhals-Initiative“ von Winzern und Gastronomen gegründet. Ihre Mitglieder versehen seither Weine, Winzersekte und Edelbrände mit dem Siegel der Initiative.“ (Wikipedia)

Nun folge ich nicht nur dem Rheinsteig, sondern parallel auch dem Hessenweg 7 (von Kaub nach Erbach/Odw.) und einem Weinwanderweg.

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Da höre ich plötzlich deutliche Stimmen im Wald und erreiche einen Weinstand, eine Art Jahrmarktsbude, an der man sich auf Weinfässern sitzend oder an Stehtischen lehnend an den typischen Getränken dieser Gegend laben kann. Der Weg führt mitten hindurch. Es halten sich einige Herrschaften dort auf, ich grüße und laufe zügig am Weinstand vorbei. Ein Herr spricht mich mit lauter Stimme an: „So allein und trotzdem noch fröhlich?“ Ich schau mich nur kurz um und antworte lächelnd: „Ja!“ Er setzt noch einen drauf: „Gerade deswegen, stimmt’s!?“ Alle lachen. Na, das will ich nicht so stehen lassen, schließlich habe ich nichts gegen Männer :-). Ich halte kurz an, um zu verneinen, dass ich nicht wegen des Alleinseins so glücklich sei, sondern wegen des Wanderns. Ich ziehe weiter und tauche wieder in stille Natur ab. Dieser Weinstand mitten im Wald ist schon etwas Besonderes.

Ich mache Rast an einem schönen Ausblick an der Wirbeley mit Blick auf Bacharach.

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Rastplatz an der Wirbeley
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Blick auf das linksrheinische Bacharach

Von der Ruine Nollig an soll der Rheinsteig steil am Hang hinab führen. Ein Hinweisschild erklärt diesen Abschnitt und auch in meinem Wanderführer wird extra erwähnt, wie steil dieser Abschnitt ist. Vor dem schmalen Pfad, der in der Böschung verschwindet, ist eine Sitzgruppe an aussichtsreicher Stelle. Ein Wanderpaar, welches hier Rast macht, und sieht, wie ich das Hinweisschild studiere, empfiehlt mir, die Umleitung zu nehmen. Diesem Rat komme ich gerne nach und nehme die wenigen Mehrkilometer gerne in Kauf. In großen Serpentinen auf breitem Schotterweg erreiche ich Lorch.

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Blick auf Lorch

Im Ort suche ich auf dem Weg zum Bahnhof ein Café und entdecke das Schild der Anlegestelle der KD. Da erinnere ich mich an mein Stempelheft und laufe trotz der Hitze den zusätzlichen Kilometer ans nördliche Ortsende, nur um mir sagen zu lassen, dass es hier keinen Stempel gebe! Wie komme ich denn nun daran? Also geht es wieder zurück und weiter an das südliche Ortsende, wo der Bahnhof ist.

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Lorch

Ein Café habe ich nicht gefunden. Es gab ein paar Hinweise auf Straußenwirtschaften hinter großen Garagentoren, doch haben diese alle noch zu. Mittlerweile ist es fast 15 h und da der Zug nur stündlich um Viertel nach fährt, nehme ich ihn kurzerhand zurück nach Kaub. Dort suche ich mir dann doch noch eine Möglichkeit, gemütlich einen Kaffee trinken zu können.

Und wie ich mich an einem der etwas schmuddeligen Tische vor einer Pizzeria niederlasse, spricht mich doch tatsächlich schon wieder ein Herr an: „Sind Sie uns nicht auf dem Rheinsteig entgegen gekommen? An dem Weinstand im Wald!“ Es ist einer der Herren, die am Weinstand ihre Späße mit mir gemacht hatten. Ich hätte ihn nicht erkannt, weil ich mir die Herrschaften im Wald nicht bewusst angeschaut habe. Die drei Herren wandern von Süden nach Norden und wollen am nächsten Tag bis Sankt Goarshausen laufen. Jetzt unterhalten wir uns noch nett über die heutige Etappe und tauschen Erfahrungen über den Weg aus. Ich treffe oft Trios oder Quartette befreundeter Herren und auch Damen, die gemeinsam den Rheinsteig wandern, aber auch viele Alleinwanderer – alles ausnehmend begeisterte Rheinsteiger!

3 thoughts on “Rheinsteig (19) – im Freistaat Flaschenhals

    1. Jaaaa, liebe Elke, da sagst du was!
      Ich heile meine Sehnsucht teils mit dem Scheiben dieser Erinnerungen und teils mit Planungen neuer Touren. Im Frühling geht es auf den König-Ludwig-Weg von Starnberg nach Füssen durch den wunderschönen Pfaffenwinkel.
      Das wäre meine erste Etappenwanderung am Stück mit Gepäck. Warum „wäre“? Ich bin mir noch nicht 100%ig sicher, ob ich es packen werde und wirklich durchziehe. Die Tage war ich wandern und mir taten schon nach 9km höllisch die Fußgelenke und die Achillessehne weh…..😓
      Ich trage einfach zu viel Gewicht auf meinen Rippen 😯 und mein Diätplan greift nicht. Beruflicher Stress lässt mich immer wieder frustfre…
      Das ist eine echte Last.
      Die Vorfreude auf die Tour soll eigentlich mein Motivator sein, abzunehmen.
      Hoffentlich schaffe ich das. Na klar, schaffe ich das!!

      Gefällt 1 Person

      1. Hui, da stehen wir ja vor dem gleichen Problem. Ich bin gerade dabei Gewicht abzuwerfen und es geht sehr sehr langsam.

        Seit vor Weihnachten verzichte ich auf alle Zucker und auf Brot, Kartoffeln & Co. Der Heißhunger ist weniger geworden und wenn er denn kommt, stille ich ihn mit Jogurt, Leinsam, Sonnenblumenkernen als eine Art Müsliersatz. Ganz viel Gemüse und neuerdings wieder mehr Fleisch.

        Sechs Kilo sind futsch, aber es müssen noch ganz viele fallen.

        Du schaffst das nur, wenn Du Deine ganz persönliche Ernährungsform findest, glaube ich. Verzicht ist für einen langfristigen Erfolg sicher weniger günstig.

        Ich drücke Dir die Daumen und ach, meine Knochen tun an manchen Tagen so weh, ich glaube das liegt nicht nur am Gewicht. Sei lieb zu Dir 😉

        Ganz liebe zuversichtliche Grüße
        Elke

        Gefällt 1 Person

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