Rheinsteig (23) – Willkommen im Rheingau

Unterwegs auf dem Rheinsteig von Assmannshausen bis hinter Rüdesheim (Ebental)

14,3 km (inkl. Zu-, Um- und Abwege), letztes Stück und Anfang der offiziellen 17. und 18. Etappe, meine persönliche Etappe 23

gewandert am 06. Januar 2017

Gps-Track: https://www.outdooractive.com/de/wanderung/taunus/rheinsteig-teile-der-17.-18.-etappe-zwischen-assmannshausen-und-ruedeshei/113919862/ (korrigiert, ohne „Verlaufer“)

Mein Rheinsteigprojekt hat es ins Jahr 2017 geschafft!

Geschafft? Oder soll ich sagen, es hat sich bis ins Jahr 2017 hingezogen? Ich sehe das nicht so eng. Schließlich bin ich voll berufstätig und habe nicht jedes Wochenende Zeit, um Wandern zu gehen. Und ich habe mir meine Etappen oft für die schöneren Wetterlagen aufgespart :-).

So langsam kommt das Ende des Fernwanderweges in Sicht. Von Assmannshausen bis Wiesbaden sind es nur noch etwa 67 km. Da der Rhein bei Bingen einen Knick macht, kommt es mir tatsächlich so vor, als würde ich wie um eine Wegbiegung laufen und sich mir dahinter ein ganz neues Panorama eröffnen: der Rheingau heißt mich willkommen.

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in Assmannshausen

Es ist ein sehr sonniger, aber bitterkalter Januartag. Die Vorhersage spricht von -6° bis -12° C. Nach meiner schönen Erfahrung vom 1. November auf dem Rheinsteig sehne ich mich sehr nach einer Fortsetzung und so nehme die lange Anfahrt nach Assmannshausen – dieses Mal mit dem Zug – gerne in Kauf.

Bei Dunkelheit, morgens um 7 Uhr, verlasse ich mit dem Rucksack auf dem Rücken meine Wohnung. Ein Bus, ein IC und eine Regionalbahn bringen mich ans 110 km entfernte Ziel. Es ist so wunderschön aus dem Zugfenster den gesamten bereits gelaufenen Weg nachzuverfolgen. Ich schaue raus und murmele leise die Namen der Orte und Burgen, die an mir vorbeiziehen und die mir noch im Gedächtnis sind. Mit Umsteigen bin ich insgesamt zweieinhalb Stunden unterwegs. Daher habe ich im Vorfeld – auch wegen des kurzen Tages im Winter – keine allzu lange Etappe geplant. Ich kann entweder bis Rüdesheim oder nach Geisenheim laufen und von dort mit dem Zug zurückfahren. Die Fahrkarte habe ich entsprechend gebucht. So ein Kurztrip am Wochenende ist doch jedes Mal wie ein Urlaub!

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In Assmannshausen steige ich aus und laufe durch den Ort zur Talstation der Seilbahn, die gerade Winterpause macht. Mir wird gleich schön warm, denn nun geht es von 87 m auf 333 m Höhe den Berg hinauf in den Niederwald. Oder auf den Niederwald? Der ganze Berg heißt nämlich so. Ich wandere auf breiten Serpentinen vorbei an hübschen Mauern, die ich so liebe und in deren Ritzen sich Farne, Flechten, Moose und im Sommer auch Eidechsen verstecken.

Aufwärts bin ich sehr langsam und so habe ich dann erst nach 65 Minuten diesen (einzigen) Anstieg hinter mir und erreiche mitten im Wald ein ziemlich verfallenes Haus. Ein Lostplace? Das ganze sieht schon etwas zugewachsen aus. Doch was täuschen mich meine Sinne! Beim Näherkommen gewahre ich, dass es die Bergstation der Seilbahn ist. Ups.

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Schöner und feudaler lässt sich da das Jagdschloss Niederwald sehen, das heute ein Hotel beherbergt:

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Es ist so schön wieder zu Fuß unterwegs zu sein! Hier oben sind die Wege weiß: Alter und vereister, aber teilweise auch frisch gefallener Schnee liegt auf den Wegen. Die Wiesen schlafen noch im Schatten.

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Der Rheinsteig verläuft nun durch das Waldpark-artig angelegte Gelände des Niederwalds, in dem Graf Ostein, ein früherer Besitzer des Niederwalds, allerlei magisch-romantische Bauwerke errichten ließ: die „Zauberhöhle“, ein gemauerter, fensterloser Tunnel, der in der „Halle der Erkenntnis“ endet, den „Rittersaal“, eine heutzutage nur noch quadratische Mauereinfassung mit Ausblick an einer Klippe über’m Rhein und den/die „Rossel“, eine künstliche Burgruine mit Turm und phantastischem Ausblick in den Rheingau und ins Naheland.

Ich schlendere eine weitere Stunde durch das bewaldete Plateau, schaue mir die dort aufgestellten Erläuterungstafeln interessiert an und verweile etwas an den Bauwerken. Auf den vereisten Wegen muss ich sehr aufpassen, um nicht auszurutschen. Ich bin mal wieder völlig alleine unterwegs. Bei der Zauberhöhle angekommen, betrete ich den 60m langen dunklen, gemauerten Tunnel. Früher kostete es 5 Pfennige, jetzt ist der Eintritt frei.

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In der Mitte des gewundenen Tunnels gibt es eine kleine Öffnung in der Decke, durch die ein wenig Tageslicht eindringt, so dass es nicht die ganze Zeit stockfinster ist. Die Taschenlampe zu benutzen verbietet sich ja von selbst, denn dieser dunkle Tunnel symbolisiert den Gang der Seele auf der Suche nach dem Licht/der Wahrheit. Der Tunnel endet in einem runden hohen Pavillon mit rundherum offenen Fenstern, durch die helles Licht einfällt: die Halle der Erkenntnis. Ich werde mit einem strahlenden Ausblick ins Rheintal belohnt. Das gefällt mir hier!

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Weiter geht es durch den Buchenwald zum Rittersaal, von wo sich mir ein schöner Ausblick zurück bis nach Lorch bietet:

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Unter mir, quasi linkerhand vom Bildausschnitt, liegt das „Binger Loch“, eine Rheinenge mit einer deutlichen Biegung des Flusses. Ich nehme hier nun Abschied vom oberen Mittelrheintal, dem Unesco Weltkulturerbe.

An der künstlichen Ruine Rossel, die im Zuge der Rheinromantik entstanden ist, bietet sich ein weiterer Premiumausblick:

Der Weg führt quasi durch das Gemäuer hindurch. Leider ist die Tür zum Turm verriegelt. Von der dahinter liegenden Plattform schaue ich endlich auf die Weinberge im Rheingau, den Rhein und das am jenseitigen Ufer gelegene Bingen hinab. Trotz des Gegenlichtes kann man gut die Mündung der Nahe erkennen.

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Auf breitem Höhenweg kann man nun direkt zum Niederwalddenkmal gehen. Doch der Rheinsteig biegt vorher ab und windet sich erst einmal den Berg hinab. Ich laufe auch bergab, habe aber wohl eine erneute Abbiegung übersehen und treffe daher auf den Waldrand an den Weinbergen. Schön ist es hier! Aber das blaue Zeichen ist nicht mehr zu entdecken.

Habe ich schon erwähnt, dass es bitterkalt ist? Ich habe keine Lust, den mir den Rücken wärmenden Rucksack abzusetzen und in der Karte zu schauen, wo ich hätte abbiegen müssen, deshalb laufe ich den Weg einfach wieder hinauf, erreiche erneut den breiten sehr vereisten Forstweg und folge diesem mit vorsichtigen Schritten in Richtung Adlerwarte und Niederwalddenkmal. Dort, so weiß ich, werde ich wieder auf den Rheinsteig treffen. Den Ausblick auf die Ruine Ehrenfels verpasse ich dadurch, aber das macht nichts. Denn irgendwann ist man als Rheinsteiger auch gesättigt, was die Ansichten von Burgruinen angeht.

Und dann stehe ich davor und bin schier überwältigt von der Größe und Erhabenheit des Bauwerkes, auf der die Germania thront – egal, ob es den eigenen Geschmack trifft oder nicht. Den geschichtlichen Hintergrund kann ich da auch ganz gut ausblenden. Die Weite hier oben und die freie Sicht ins Rheintal sind unheimlich schön. (Zum Vergrößern die Bilder anklicken).

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Aber es pfeift ein fieser Wind und ich schaffe es, gerade mal 2 Minuten lang Mittagspause auf einer der Bänke zu machen und in mein Brot zu beißen, welches mir fast in der Hand gefriert, so eisig ist die Luft!! Ich flüchte in das urige Restaurant „Almhütte“, das anstelle von Stühlen mit Kissen,  rustikale Holzbänke und Felle bereit hält. Fehlt nur noch die Hüttengaudi, dann könnte man meinen, man sei in den Alpen! Hier wärme ich mich auf, esse einen Flammkuchen und trinke einen heißen Kaffee.

Nach der 40 minütigen Pause laufe ich weiter, vorbei an einem hohen, weißen Tempelbau mit schlanken Säulen und an der Bergstation der anderen Seilbahn, die hinab nach Rüdesheim führt. Schilder weisen mich daraufhin, dass ich auf dem Zahnradbahnweg wandele, denn von 1884 bis 1939 konnte man mit einer solchen Bahn zum Niederwalddenkmal hinauffahren. Aber auch dem Komponisten Johannes Brahms wird hier mit einem Weg zu seinem Besuch im Rheingau die Ehre erwiesen.

Ich laufe nun durch Wiesen, kleine Hohlwege und Weinberge und erblicke schon bald die stolzen Türme der Abtei Sankt Hildegard näher kommen. Meine neuen Wegbegleiter sind der als Rundweg angelegte „Rüdesheimer Hildegardweg“ und der Pilgerwanderweg Hildegardweg nach Idar Oberstein. Wie eine Sammlerin fotografiere ich solche Schilder und Wegezeichen und speichere sie mehr mental als digital ab. Wer weiß, ob ich irgendwann Lust verspüre, diese Wege auch einmal zu gehen?

In der Ferne ist auch Schloss Johannisberg, bekannt durch die Mumm-Sektkellerei, auszumachen. Ich zoome es mal näher heran:

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Die Glocken läuten zur vollen Stunde, als ich das Gelände der wunderschönen, Kraft ausstrahlenden Abtei betrete.

Als erstes besuche ich die Kirche und bin plötzlich sehr ergriffen und bewegt. Lange verweile ich alleine in dem Gotteshaus und betrachte, den Kopf in den Nacken gelegt, die Wandmalereien an den hohen Galerien. Alte Kirchenmalereien oder Mosaike haben es mir schon als Kind angetan. Aber das hier ist eigentlich nicht alt.

Diese Kirche ist von 1904 und Hildegard selbst hat sie dadurch auch nie betreten. Ich weiß nicht genau, was es ist, was mich hier tief in der Seele berührt hat. Dass mich manche Kirchen in letzter Zeit emotional so ansprechen, ist ein neues Gefühl. Hildegard von Bingen hat mich bis dato auch nicht sonderlich interessiert. Doch nach diesem Tag – vor allem auch um etwas Gutes für meine Füße zu finden – beschäftigte ich mich etwas näher mit ihrer Kräuterheilkunde.

Ich zünde wieder ein Licht an, wie ich es schon auf der ersten Etappe meiner Rheinsteigwanderung gemacht hatte, als Schutz für meinen Weg. Im Klosterladen stöbere ich unheimlich lange – heute ist ein Tag, an dem ich mir für alles viel Zeit lasse – und erstehe ein paar hübsche Grußkarten und einen Schutzengel-Anhänger für meinen Wanderrucksack. Den prämierten Wein des Klosterweinbergs würde ich gerne kosten, doch wandert die kostspielige Flasche mit dem hübschen Etikett letztlich wieder zurück ins Regal.

Als ich das Kloster verlasse und mich bergab auf den Rheinsteig begebe, schaue ich erstaunt auf die Uhr. 70 Minuten habe ich darinnen zugebracht! Es war also Zeit, den entsprechenden Zuweg zum nächsten Bahnhof zu wählen. Nach Geisenheim oder Rüdesheim? In Rüdesheim hätte ich die Chance, bei der Touristeninformation einen Rheinsteigstempel zu bekommen! Dadurch ist die Entscheidung gefallen. Ich laufe aber noch ein Stück weiter den Rheinsteig entlang bis zum Ende der Weinberge am Schützenhaus in der Nähe des Stegbachs und wende mich dann erst wieder Rüdesheim zu. Der neu eröffnete Klostersteig, der die Klöster im Rheingau verbindet, wird mich auch auf meiner nächsten Etappe noch begleiten.

Auf einem nicht ausgeschilderten Zuweg laufe ich in Richtung der Touri-Info zum Asbach Besucher Center. Auf dem Weg dorthin passiere ich die ehemalige Klosterkirche Hildegards, heute Wallfahrtskirche, in der ihre Reliquien ausgestellt sind. Das ist ja echt mal gar nicht meins!

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Hildegards Heilpflanzen verewigt im Kirchenfenster

Seit Verlassen der Abtei tut jeder Schritt weh. Ich schleiche nur noch. Beim Asbach Center angekommen muss ich feststellen, dass das Gebäude mittlerweile einem anderen Zweck überlassen wurde und sich die Touri-Info jetzt an der Rheinpromenade befindet. Nicht schlimm, das ist ja auf dem Weg zum Bahnhof. Doch dort angekommen stehe ich vor verschlossenen Türen. Es ist 16:09 h und ich bin 9 Minuten zu spät gekommen. Schade!

Da das Stempelheft vom Rheinsteigbüro aus nicht mehr aufgelegt wird, werden auch die Stempeladressen nicht mehr alle aktualisiert. Wäre ich direkt zur neuen Adresse gelaufen, hätte ich es vielleicht noch rechtzeitig geschafft. Alle drei weiteren Hotels, die ich anlaufe und die angeblich auch einen Stempel haben, haben Betriebsferien. Tja, der 6. Januar ist eben eine ideale Urlaubszeit für einen sonst so touristisch überlaufenen Ort. Heute ist Rüdesheim sehr ausgestorben. Sogar viele Geschäfte haben ohne Hinweis auf Ferien zu, obwohl der Dreikönigstag hier in Hessen kein Feiertag ist.

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in Rüdesheim

Etwas enttäuscht wende ich mich dem am Ortsrand gelegenen Bahnhof zu. Hier gibt es noch eine (ziemlich versiffte) Bahnhofshalle, in der alle Fahrgäste warten müssen, bis der Zug kommt. Denn erst eine Minute vor Einfahrt des Zuges kommt ein Bahnbediensteter und schließt die Tür zum Bahnsteig auf. Kurios, aber wohl der allgemeinen Sicherheit dienend.

Nun sollten wieder weitere 4 Monate vergehen, bis ich auf dem Rheinsteig weiter wandern konnte…

7 Antworten auf „Rheinsteig (23) – Willkommen im Rheingau

  1. Hallo Aurora

    Eine Wunderbare gegend ist das, ich habe vor in meinem Urlaub den Rheinsteig von Lorch bis Rüdesheim zu gehen, auch eine Traumhafte strecke. Beim letzten mal bin ich nach Nord gegangen, dieses mal will ich nach Süd gehen. Hoffe das Wetter spielt in meiner Urlaubswoche mit

    Hat die Seilbahn ganz zu gemacht? Das würde mich wundern, die hat doch sonst immer so viele Gäste gehabt.

    LG Markus

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      1. Ich bin alle Etappen schon zig fach gegangen, damals als ich den Rheinhöhenweg hier oben von Bonn aus ginge, war ich etwa bei Kaub in der ecke, da kamen mir die ersten Wegemacher entgegen, die den Rheinsteig beschilderten, ich kenne den Rheinsteig also länger als die meisten, dass war damals im Herbst 2005 gewesen. Ein Freundlicher Mann hatte mir einen Flyer in die Hand gedrückt, wo genau der wegeverlauf zu sehen war, und vieles mehr, diesen Flyer habe ich heute noch.
        Es war aber leider nur der 4 Wanderweg den ich bis dahin gegangen bin, die Rheinhöhenwege, beidseitig bonn bis Bingen bzw Rüdesheim, und Moselhöhenweg bzw Rheinburgenweg, mehr gab es damals vor 2005 ja noch nicht. Im herbst 2005 hatte ich viel zeit gehabt. und bin den Rheinsteig bis zur Eröffnung im Frühling 2006 komplett gegangen.

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  2. Es ist immer spannend deine und meine Eindrücke quer zu lesen, auch diesmal wieder. So achtet doch ein jeder auf andere Dinge.
    Den Herrn Brahms hatte ich z.B. vergessen, aber jetzt, wo ich dein Bild gesehen habe, fiel es mir gleich wieder ein.
    Und dass am Ende des Tunnels Fenster den Raum der Erkenntnis erhellten, hatte ich irgendwie auch vergessen. Muss ich gleich mal korrigieren. Bei mir stand da irgendwas von Oberlicht 😊

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  3. eine rheingautour im winter – daran hab ich noch nie gedacht. ich hab allerdings vor längerer zeit – wohl in den achtzigern – sogar mal in kiedrich schnee erlebt und das im oktovber. war schon ungewöhnlich. da hab ich aber keine wanderung gemacht, sondern wein probiert…

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