König-Ludwig-Weg (2) – durch Wald und Feld zum heiligen Berg

Unterwegs auf dem König-Ludwig-Weg von Starnberg (Percha) nach Andechs

18 km, Etappe 2, gewandert am Pfingstsonntag, dem 20. Mai 2018

Gps-Track bei Komoot

Die Nacht im Gasthof „Zum Brückenwirt“ war kurz. Und laut. Zunächst hatte ich Mühe, vor 24 h einzuschlafen, weil mein Zimmer über der Wirtsstube und gegenüber der Treppe lag und ich jeden Menschen hören konnte, der entweder vom Gastraum aus zur Toilette ging, das Gasthaus verließ und vor der Tür redete oder die Treppe hinauf kam. Der Betrieb im Gastraum ging bis 23:30 h, aber auch das Aufräumen und Aufstuhlen bis 0:30 h war gut zu hören, außerdem der nicht unerhebliche Autoverkehr auf der Straße. Um 4:00 h war ich das erste Mal wieder wach, denn die Feuerwehr fuhr mit eingeschaltetem Martinshorn am Hotel vorbei und war in den nächsten zwei Stunden noch mehrmals zu hören. Um 6:20 h klingelte mein Wecker. Und ich war entsprechend müde.

Der Himmel war vom gestrigen Gewitter immer noch wolkenverhangen aus. In den Pfützen auf dem Gehweg sah man, dass es noch regnete. Frühstück gab es schon ab 6:30 h, was ich toll fand und so war ich um 6:50 h vor Ort, die erste und einzige. Nicht besonders hungrig aß ich ein Brötchen und packte mir etwas fürs Mittagessen ein (was vorher abgesprochen war 🙂 ).

Die morgendliche Routine mit dem Packen des Rucksacks gestaltete sich beim ersten Mal noch etwas umständlich, ging dann aber Tag für Tag leichter und schneller vonstatten. Auf dem Stuhl stehend sieht mein Rucksack gar nicht so groß aus, oder? Aber mit 35+10 l ist er der größte, den ich habe und für meine Zwergengröße auch durchaus angemessen. Ich habe nur eine Wechselgarnitur, Ersatzschuhe und Regenschutz mit, aber mit gefüllter Trinkblase wiegt das gute Stück fast 12 kg.

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Um 8 Uhr verließ ich das Hotel und lief zunächst den mir schon bekannten Weg am Starnberger See entlang zum Bahnhof. An der Nepomukbrücke, die heute für meinen ungestörten Übertritt heruntergelassen war, beobachtete ein Vater mit seinem jugendlichen Sohn das Treiben der Fische im Wasser, für deren Fang er hoffnungsvoll eine Angel in selbiges ausgeworfen hatte. Friedlich ruhte der See, ein Schwanenpaar machte mit seinen neun Küken einen Sonntagsausflug.

 

An der Brücke traf ich auf meinen Fernwanderweg und sah auf dem Schild: Ganze 4,2 km hatte ich gestern schon bestritten. Da ging mir durch den Kopf: „Heute ist Pfingstsonntag. An einem Pfingstsonntag ist König Ludwig mysteriös ums Leben gekommen. Nun wandele ich auf seinen Spuren.“

„Wenn im Abendrot die Schönheit der Berge verblasst, ist es kein Sterben, sondern Ruhe vor einem neuen Anfang.“ (gesehen als Kreuzinschrift in Starnberg)

Durch den parkähnlich angelegten Uferbereich, vorbei an hübschen Bootshäusern und Pavillons, dann zur Restaurantmeile am Kai führte mich mein Weg, bis ich zur Unterführung am S-Bahnhof kam.

 

An einem Kiosk erstand ich die ersten Postkarten und lernte, was es heißt, den Rucksack ab und wieder aufzusetzen. Persönlicher Beschluss: Nur noch, wenn es irgend notwendig ist. Der weitere Weg erschloss sich mir von hier an nicht. Die Kioskbesitzerin wies mir noch die Richtung („…da hinten, den Berg Richtung Söcking hinauf!“), doch schon an der nächsten Straßenkreuzung war ich wieder ratlos. In Söcking habe ich mal eine Kinderfreizeit erlebt. Ich erinnere mich, das war richtig weit oben auf dem Berg. Dort sollte ich heute noch hoch? Ich konnte es nicht glauben. Ein einziges Schild konnte ich nach dem Bahnhof noch ausmachen, aber an einer abknickenden Vorfahrt musste Komoot mir wieder weiterhelfen.

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Zum Glück ging es nur wenige Meter den Söckinger Berg hinauf, dann bog mein Weg in eine ruhige Wohnstraße ab und von dieser aus ging bald der Zuweg zur Maisinger Schlucht ab. Und während ich auf den Stufen eines Frisörsalons schon wieder meinen Rucksack abstellte, um mein mittlerweile zu warmes Fleece zu verstauen, liefen die ersten anderen Wanderer an mir vorbei. Ich freute mich, dass doch einiges los war auf dem Weg.

An einem Haus prangte ein hübsches, blaues Logo vom Jakobsweg. Das Haus war allerdings nur so groß wie ein Puppenhaus, aber wunderschön und detailverliebt gebaut:

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Ich musste direkt an eine andere Bloggerin denken, Audrey, die in ihrem Blog gerade wöchentlich von ihren Erfahrungen auf dem Camino berichtet und machte das Foto für sie. Dieser Jakobsweg von München aus ist kein historischer, wie ich später erfuhr, doch er sollte mich meinen ganzen Weg über begleiten und so traf ich auch hin und wieder Jakobspilger.

Maisinger Schlucht

Die Straße endete am hübschen Jugendstil-Wasserwerk und verlief von dort erst durch Wiesen, dann direkt am Maisinger Bach entlang, der unter Brücklein und neben Stegen stets mein Begleiter war. Ich blieb immer wieder stehen und schaute dem glucksenden Bächlein zu, freute mich an einem selbstgebauten Wasserrad oder beobachtete die vielen Insekten.

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Hinter mir lief eine größere Wandergruppe, der ich an diesem Tag noch mehrmals begegnen sollte. Einer von denen machte ein Foto von mir.

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Plötzlich lief ich mit dem Gesicht fast in ein Abseilmanöver einer Raupenfamilie hinein. Weiter oben am Zweig sah man das Gespinst, in dem sich die Raupen bisher aufgehalten hatten, nun waren sie wohl allem Anschein nach auf dem Weg zum Erdboden (um sich zu verpuppen?). Das Abseilen hatten sie jedenfalls drauf:

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Nach einer erneuten Wiesenpassage mit wunderschönen bunten Wiesenblumen, ging es wieder in den Wald hinein. Bald wurde das Bachtal enger und rechts und links erhoben sich Felswände, die teilweise kleine Höhlen offenlegten. Das Gestein bestand aus vielen kleinen Kieselsteinen und war daher sehr bröselig. Erläuterungstafeln klärten über die besonderen geologischen Besonderheiten der Maisinger Schlucht auf (Nagelfluh durch kalthaltiges Sickerwasser).

 

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Kindermund

Eine Mutter und ihr etwa vierjähriger Sohn radelten an mir vorbei. Ich mochte es, wie die Mutter den Sohn ermutigte, ruhig die „Geheimwege“, also die kleinen Trampelpfade, die sich manchmal neben dem eigentlichen Weg befanden, zu fahren. So macht Kindern die Natur Spaß! Nach einer Steigung brauchte der Kleine eine Rast und als ich vorbei lief, fragte er die Mutter, was ich da mit dem Rucksack und den Stöcken mache. „Die Frau wandert. Das haben wir letzten Sommer doch auch gemacht.“, erläutert sie. Der Sohn kontert: „Ja schon, aber hier ist doch gar kein Berg!“ Ich musste schmunzeln und im Weitergehen hörte ich noch, dass es durchaus auch Flachlandwanderer gibt. Genau! Und das traf es ziemlich, denn der Weg war sehr angenehm und eben zu laufen und einfach nur wunderschön!

Aus der Schlucht herauskommend, erreichte ich den Weiler Maising. Alpakas grasten auf einer Wiese, etwas weiter ein bayerisches Zebra 🙂

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Von hier war es nur noch ein Katzensprung bis zum Maisinger See, in dem man auch baden darf. Mein Wanderführer schreibt, dass man bei schönem Wetter kaum einen Platz an den Biertischen am Ufer bekäme. Doch heute statteten nur wenige Ausflügler dem See einen Besuch ab. Der Sprungturm stand verlassen im ruhigen Wasser. Ich aber legte nach 7,5 Kilometern um 10:40 h eine Kaffeepause ein und schrieb schon einmal die ersten Postkarten.

 

Um 11:10 h ging es weiter. Mittlerweile war es wärmer geworden und ich wagte es, mich meiner Jacke zu entledigen. Die nächsten drei Kilometer bis Aschering flogen nur so dahin. Zunächst ging es durch ein Wäldchen am See entlang, dann durch sumpfiges Gelände oder entlang reich blühender Wiesen.

 

Doch danach sollte sich der Weg etwas ziehen. Das würde mir nun täglich so gehen. Die ersten 10 km waren okay, dann tat es weh. Aber das wusste ich natürlich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

In Aschering machte ich auf einer Bank neben der hübschen Kirche meine Mittagspause und verspeiste mein Brötchen. Ein Wanderpaar kam vorbei und sang im Rhythmus ihrer Schritte das mir bekanntes Mantra „Om tare tutare ture svaha“. Ich summte mit. Das wirkte sehr meditativ. Pilger?

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Von der Maisinger Schlucht bis hier war ich durch offenes Gelände gelaufen. Die Wolken am Himmel sahen manchmal arg bedrohlich aus, doch nun wurde es wärmer und wärmer und die Sonne kam langsam heraus. Zunächst musste ich noch ein Waldstück über einem Hügel durchqueren. Hier traf ich wieder viele andere Wanderer. Dann erreichte ich eine Hochfläche und lief auf Rothenfeld zu, das von weitem wie ein Kloster aussah.

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Erst im Vorbeigehen sah ich das Schild, auf dem das Fotografier-Verbot für dieses Gebäude und Gelände stand, deshalb verzichte ich hier auf die Veröffentlichung weiterer Aufnahmen des hübschen ehemaligen Klostergebäudes, die ich auf dem Weg dorthin gemacht hatte. Bei dem Anwesen handelte es sich nämlich um die Freigängeranstalt der JVA Landsberg a.L.. Na, wie ein Gefängnis wirkte es jedenfalls nicht.

Nun wurden mir die Füße schwerer und schwerer. Ich schleppte mich eine weitere Anhöhe hinauf und konnte von dort bereits den Kirchturm von Andechs-Erling erspähen, meinem Übernachtungsort. Ich freute mich, bald anzukommen, denn es war gerade erst 13:30 h. Doch ich wollte ja zuerst den Klosterhügel in Andechs besuchen.

Nach einem kleinen Gang durch ein Wäldchen neben der Landstraße erreichte ich wieder die offene Wiesenlandschaft. Ja, was lugte denn da aus der Wiese hervor?

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Es war tatsächlich die Kirchturmspitze des Klosters Andechs.

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Was man hier nicht sieht, ist, dass das Kloster auf einer steilen Bergkuppe liegt. Ich musste also zunächst einen Weg mit Kreuzwegstationen hinablaufen, um dann Anlauf zu nehmen…. Der Kreuzweg war aber sehr schön. Seht selbst:

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Am Klosterberg fand ich mich unvermittelt in einem großen Touristenrummel wieder. In Massen strömten die Menschen den Berg hinauf und hinab, mehrere Gastronomiebetriebe versorgten die Hungrigen und Durstigen, Souvenierstände boten Rosenkränze und Kerzen feil. Ich steuerte die Kirche an, die zuoberst auf dem Hügel thronte. Darinnen fand gerade das Ende einer Pfingstmesse statt, weswegen ich mich für eine Viertelstunde still auf eine Bank setzte und die barocke Kirche auf mich wirken ließ.

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Ich komme zu dem Schluss, dass Barock nicht meine bevorzugte Stilrichtung ist. Ich finde keinen (emotionalen) Zugang zur Schönheit dieser für mich kitschigen und überladenen Kirchen. Ich kann wohl anerkennen, was Menschen hier geschaffen haben, aber halte mich daher nicht länger als nötig hier auf.

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Und so dauerte es nicht lange, bis ich vor der Tür meines gebuchten Appartements stand. Oh, welch ein Glück habe ich: ein modernes, äußerst gemütliches Reich haben Martina und Klaus Gerhardt von „Urlaub in Andechs“ da geschaffen! Ich fand ein großes Bett und eine komplett eingerichtete Küchenzeile vor.

 

Im Kühlschrank standen Erzeugnisse der Andechser Brauerei für den freien Verzehr, ebenso Kaffee, was ich mir beides zusammen mit dem übrig gebliebenem Proviant aus meinem Rucksack einverleibte. Ich hatte gar kein Bedürfnis mehr, abends noch etwas essen zu gehen und so ließ ich den Tag nach einer Erfrischung in der großen modernen Dusche (und einer kleinen Wäsche meiner Kleidung) auf der Terrasse sitzend ausklingen. Mit einer Wolldecke konnte ich es gut aushalten, denn mittlerweile hatte das von meiner Wetter App prognostizierte Gewitter seinen Weg hierher gefunden und die Luft war deutlich abgekühlt. Heute ging ich früher zu Bett und schlummerte selig bis zum nächsten Morgen.

Fortsetzung Etappe 3:

1. Etappe des König-Ludwig-Weg

 

4 Antworten auf „König-Ludwig-Weg (2) – durch Wald und Feld zum heiligen Berg

  1. Liebe Aurora,
    die sich abseilenden Raupen und die Schwäne sind mein Highight. Was für coole Bilder du gemacht hast!

    Und das Laufgefühl auf den letzten 10 km, wenn es sich zieht, kam mir natürlich sehr bekannt vor.
    Was habe ich mich gefreut, dass ich hier noch mal meine ganz eigene Widmung gekriegt habe – und das, obwohl ich ja schon eine Postkarte bekommen habe.
    Doppelt-Danke also.

    Audrey

    Gefällt 1 Person

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