Allgäuer Herbst (3)

Unterwegs im Tannheimer Tal (Tirol) vom Neunerköpfle zur Gappenfeldalpe und zurück

Ca. 9 Kilometer langer Panoramaweg, 200 Höhenmeter, gpx-track

gewandert am Mittwoch, den 17. Oktober 2018

Fünfter Tag im Allgäu

In mehreren Wanderführern finden wir eine kleine, empfehlenswerte Panoramatour von der Bergstation (1789 m) der Neunerköpflebahn zur Sulzspitze. Doch wo ist nur das Neunerköpfle? Die 1881 m hohe Kuppel oberhalb der Bergstation mit dem markanten Kreuz darauf heißt laut Karte Vogelhörnle. Dieses Mysterium der zwei verschiedenen Namen mussten wir erst einmal enträtseln, als wir nach Tannheim (A) fuhren. In unserem Buch stand „Nehmen Sie die Vogelhörnlebahn…“, aber vor Ort gab es nur eine einzige Bahn, die „Vogelhorn-Neunerköpfle-Gondelbahn!

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Blick auf Tannheim im Tannheimer Tal

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Panoramaweg

Der kleine kugelige Gipfel des Vogelhörnle erhob sich direkt über der Bergstation.

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Zunächst steigen wir aber nicht hinauf, sondern folgen dem Panoramaweg. Prächtig breitete sich das Panorama vor uns aus. Die ersten Paraglider machten sich für ihre Sprünge bereit.

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Tannheimer Tal
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Blick zurück zum Neunerköpfle

 

Nach einem leichten Anstieg auf etwa 1820 m Höhe, passierten wir eine überdimensionierte Rastbank mit eigens dafür eingerichteter Handyhalterung für ein Selfie. Fröhliche Menschen tummelten sich hier.

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(c) Doris S.

Der sich daran anschließende Höhenweg, der sich stetig auf derselben Höhe dahin schlängelte, war weithin sichtbar. Teils lag er im Schatten, teils im schönsten Sonnenschein.

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(c) Doris S.
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(c) Doris S.

Es war eine Freude ihn zu gehen. Zum Fotografieren musste ich aber immer stehen bleiben, denn der von Felsen durchzogene Untergrund erforderte beim Laufen meine vollste Aufmerksamkeit.

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Insgesamt hatten wir nicht endlos Zeit, da die letzte Gondel talwärts wegen der Nebensaison schon am Nachmittag fuhr. Für den Aufstieg auf die 2084 m hohe Sulzspitze wären weiter 200 Höhenmeter zu bewältigen gewesen. Bis zur Strindenscharte war der Weg wunderschön pfadig. Danach ging er in einen Schotterfahrweg über, der stetig anstieg. Diesen Weg konnte ich trotz des äußerst steilen Abhangs neben dem Weg gut gehen, weil er so breit war.

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Jenseits der Strindenscharte

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Dann kamen wir nach 3,5 km an die Weggabelung mit dem Bergpfad zur Sulzspitze, die sich felsig direkt über uns erhob. Der Pfad entlang der baumlosen Bergflanke sah mal wieder nicht schwer zu bewältigen aus.

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Sulzspitze (c) Doris S.

Wir begannen den Anstieg, Doris direkt vorneweg. Doch schon nach 100 Metern musste ich mir eingestehen, dass ein Weg, der leicht aussieht, sich nicht unbedingt leicht gehen lässt. An einer Felsnase, an der der Pfad nur 30 cm breit war und das Gelände neben mir steil abfiel, ahnte ich, dass ich nachher beim Runtergehen Probleme bekommen könnte. Mein Höhenschwindel ist hauptsächlich „die Angst zu fallen“, die mich bei jeglichem Abstieg extrem unsicher macht, wenn mein Gewicht Überhand nimmt, die Beine plötzlich wackelig werden oder starr wie Stein sind. Ja, ich hatte sogar zwei Ersatzbeine dabei, meine Stöcke! Doch war ich realistisch genug, an dieser Stelle, als mein Schwindel wiederkam, den Rückzug anzutreten und Doris alleine weitergehen zu lassen. Sie wollte aber nicht ohne mich weitergehen. Wir drehten um.

Angstattacke

Doch schon wenige Schritte später gab es eine Stelle, wo der Weg nur aus feinstem Erdschotter bestand und abschüssig war. Hier wurde mein Körper schlagartig starr vor Angst, denn ich wusste partout nicht mehr, wo ich meine Füße hinsetzen sollte, ohne den Halt zu verlieren. Mir verschwamm alles vor den Augen. Meine Stöcke waren vom Aufstieg noch etwas kürzer eingestellt. Wie blöd, schoss es mir durch den Kopf! Von außen sah es so aus, als wenn gar nichts mehr ginge. Doch ich begann mich mental zu beruhigen und zu „bearbeiten“ – was man von außen natürlich nicht sehen konnte. Ich wusste, dass ich hier irgendwie wieder runterkommen MUSSTE, komme was wolle!

Die Rettung

Und um Doris und weitere Wanderer, die hinter ihr erschienen, erst einmal vorbei zu lassen, wollte ich mich kurzerhand auf den Hosenboden setzen und danach womöglich auf dem Pöbbes die unmögliche Stelle überwinden. Je kürzer der Abstand zum Boden ist, desto leichter die Bewältigung. Doch wie aus dem Nichts kam in diesem Moment Rettung von hinten. Ein erfahrener älterer Wandersmann stand plötzlich neben mir und zog mich wieder hoch: „Nein, nein, so wird das nichts. Kommen Sie, nehmen Sie meinen Arm“, und er verschränkte unsere beiden Arme und fasste mit festem Griff meine Hand. Sofort fühlte ich mich absolut sicher. Wie ein Fels stand er am Abgrund und ich wusste, dass auch wenn ich das Gleichgewicht verlieren sollte, er keinen Deut stolpern würde.

Meine Tochter?!

„Die Stöcke geben Sie mal kurz Ihrer Tochter“, sagte der nette Herr und nahm mir kurzerhand die Stöcke aus der Hand und gab sie Doris. Meine zwei Jahre ältere Freundin als meine Tochter bezeichnet zu hören, fand ich so lustig, dass ich lachte und alle Anspannung von mir abfiel. Zwar steckte noch etwas von dem Schrecken in meinen Gliedern, aber der weitere Abstieg ging wirklich sehr gut. Ich glaube, der Herr hat eine Bergführerausbildung und hat gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. „Sie sind mein rettender Engel“ sagte ich ihm zum Dank. Und er freute sich: „Jeden Tag eine gute Tat. Die kann ich für heute abhaken!“

Auf den Schreck einen Schluck

Wenn es also die Sulzspitze nicht werden durfte, sollte doch die ausgeschilderte Gappenfeldalpe unser heutiges Zeil sein. Sie lag einen Kilometer weiter jenseits der Gappenfeldscharte in einer Senke unterhalb der Sulzspitze. Hier machten wir Brotzeit im schönsten Sonnenschein.

cof
Sulzspitze

cofDoch die festgelegte Abfahrtszeit der Gondel zog uns bald zurück auf den Heimweg. Wir liefen, wie wir gekommen waren, nur dass der Panoramaweg nun fast überall im Schatten lag und nicht mehr so reich bevölkert war wie am Vormittag. Wir überholten kurz hinter der Strindenscharte ein hochbetagtes Paar und ich fragte mich die ganze Zeit, ob sie es noch bis zur Gondel geschafft haben.

Wieder zurück an der riesigen Sitzbank nahmen wir jetzt den Weg über das Neunerköpfle. Auf der Bergspitze stand das größte Gipfelbuch der Welt, in dem sich jeder verewigen konnte. Ich habe meine Blogadresse dort hinterlassen 🙂 .

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Grandios breitete sich auch hier das Panorama ringsum aus. Im Tal der Haldensee, der im Sommer zum Schwimmen einlädt.

sdr

cof

Erfüllt mit diesen wunderschönen Einrücken fuhren wir ins Tal hinab und zurück nach Halblech.

–> Fortsetzung folgt

 

* Ich danke Doris für die Überlassung ihrer Fotos

2 Antworten auf „Allgäuer Herbst (3)

  1. Hallo Aurora,

    deine Wandertage im Allgäu haben sich gelohnt. Die Bilder sind wunderschön die deine „Tochter“ gemacht hat. Ich glaube du solltest mal schauen und bei deinen Wanderungen eine starke Hand mitnehmen. 🙂

    Kann man deine Angst nicht behandeln? Ich denke es ist wirklich nur die Angst vorm „Absturz“. Ohne Angst könntest du solche Stellen wohl ohne Probleme bewältigen.

    Liebe Grüße aus der Pfalz
    Harald

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    1. Die beste Möglichkeit, Ängste zu überwinden ist, sich Ihnen zu stellen. Das versuche ich immer wieder. Manchmal fällt es mir leichter, wenn ich komplett alleine unterwegs bin, vielleicht weil ich weiß, dass da keiner ist, der mir helfen kann. Ich hab allerdings weniger Angst, wenn jemand bei mir ist.
      Ich habe schon mal einen Kurs besucht. Lies mal den Bericht Keine Höhenangst am Oelsbergsteig: https://aurorawillwandern.com/2017/09/26/keine-hoehenangst-am-oelsbergsteig/
      Gruß
      Aurora

      Gefällt mir

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