Wandern ist für mich…

Wandern ist für mich… Glück, Freiheit und Liebe!

Warum Liebe? Weil ich mich beim Wandern wie verliebt fühle, vor allem, wenn ich schöne Aussichten, Moos bewachsene Wurzeln und verschlungene Pfade unter orangem Herbstlaub sehe. Einfach phantastisch!

„Man genießt die Natur

auf keine andere Weise so schön

als beim langsamen, zwecklosen Gehen.“

(Wilhelm von Humboldt)

Ich fühle mich unheimlich glücklich, sobald ich unterwegs bin. Dieses Gefühl ist aber erst nach und nach mit der Zeit gewachsen. Ich kann mich an mein „1. Mal wandern“ nicht wirklich erinnern. Ich bin als Kind mit meiner Familie jeden Sonntag mit Buddelhosen ins Sauerland gefahren. Wir Kinder haben im Wald und an Bächen gespielt und sind an Felsen hoch und auf Bäume geklettert. Schon als Kind bemerkte ich, dass ich auf der Rückfahrt oft einen Phantasieschub bekam und unheimlich kreativ wurde. Die sonst üblichen Streitigkeiten mit meinem großen Bruder blieben dann häufig aus. Heute weiß man, dass der Aufenthalt im Wald sich harmonisierend auf die menschliche Psyche auswirkt.

Als junge Erwachsene habe ich nach jedem Umzug meine neue Umgebung ausgiebig erkundet, habe mir Ausflugsbücher gekauft und bin überall herumgefahren. Aber nicht unbedingt gewandert. Bei einem Urlaub allein in der Schweiz war ich das erste Mal jeden Tag wandernd unterwegs. Die Wege waren nicht weit und auch nicht im Hochgebirge, da ich ja ungeübt und alleine war, aber ich entdeckte dabei die Freiheit, die sich als deutliches Gefühl beim Wandern in mir breitmachte.

Dann schlief das Wandern erst einmal wieder ein. Beruflich war ich sehr eingespannt, Urlaubsreisen machte ich kaum. Erst eine neue Bekanntschaft, heute meine gute Freundin Doris, brachte mich 2011 wieder dahin. Zunächst hatte ich Bedenken, mit ihr mithalten zu können, denn eigentlich war ich ein Bewegungsmuffel und machte damals gar keinen Sport. Jeder Anstieg war ein Gräuel für mich! Jeder Abstieg bedeutete, dass ich das auch wieder hochlaufen musste. Doch überwogen die tollen Erlebnisse und ich wurde stolz über jeden weiteren gelaufenen Kilometer.

Der Natursteig Sieg wurde unser erstes Projekt, außerdem wollten wir die Traumpfade an Rhein, Mosel und in der Eifel sowie am liebsten alle 111 Traumschleifen im Saar-Hunsrück Gebiet laufen. Wir beide lieben aber auch die Wahner Heide, das Rheintal oder das Wiedtal. Unsere Touren sind meistens 8 – 16 km lang. Doch gab und gibt es aus familiären und terminlichen Gründen nur etwa alle zwei Monate eine gemeinsame Wanderung.

2015 gab es einen Wendepunkt in meinem Leben, den ich als den deutlicheren Beginn meines persönlichen Wanderhobbys bezeichnen würde. Ich war seit etwa einem Jahr beruflich an einem Punkt angekommen, an dem ich keine Lust mehr darauf hatte und auch ziemlich erschöpft war. Irgendwie hatte ich gar kein Ziel mehr in meinem Leben. Mir ging es eigentlich gut, aber das Leben plätscherte so dahin. Sollte es das gewesen sein? Kam da nicht Neues, Spannendes mehr? Das gefiel mir nicht, hatte ich doch noch nicht einmal die Hälfte meines Berufslebens hinter mir! Im Nachhinein weiß ich, dass ich ganz schön ausgebrannt war und nur noch mit Scheuklappen durchs Leben gelaufen bin.

Da bekam ich auch noch eine Eigenbedarfskündigung für meine Wohnung und musste umziehen. Was zuerst der große Schock war, entpuppte sich nachher als der richtige Weg. Der Umzug und die damit verbundene Entrümpelung brachte mir neuen Elan.

Und eines Tages plante ich eine Kurzwanderung an einem Mittwochnachmittag nach der Arbeit, weil ich unbedingt wildwachsende Küchenschellen sehen wollte. Ich las auf der NAE-Website (www.naturaktiverleben.de) von einem Wanderweg bei Zülpich, wo wilde Küchenschellen wachsen. Es war Frühling und strahlendes, warmes Wetter – genau der richtige Zeitpunkt. Mitten in der Woche konnte Doris nicht. Da entschied ich kurzerhand, einfach mal alleine loszuziehen. Anfangs musste ich mich ganz schön überwinden und meinte bei jedem Knacken im Gebüsch ein Wildschwein zu hören, aber mit der Zeit bekam ich immer mehr Mut und brachte den Weg zu Ende. Und an einer Stelle, als der „Wanderflow“ (Danke, Angelica Hocke, für dieses passende Wort) sich einstellte, durchfuhr es mich plötzlich wie ein Blitz. Ich habe wieder ein neues Ziel im Leben: Ich will einen Weitwanderweg wandern! Und wenn keiner mitkommt, gehe ich eben allein!

Seitdem wandere ich immer öfter allein. Im Sommer 2015 wurde dann der Rheinsteig mein persönliches Projekt. Ich wanderte immer nur einzelne Etappen (eigentlich nur bei stabilem Wetter) und fuhr jeweils zum Startpunkt und abends wieder heim. Ab Kaub plante ich Zweitagestouren mit Übernachtung ein. Meine Befürchtung, mich beim Wandern oder abends auf dem Hotelzimmer einsam zu fühlen, trat niemals ein. Der Abend in einer Straußenwirtschaft in Lorch beispielsweise wurde unheimlich gesellig und nett!

Ich liebe den Rheinsteig, die „wanderigen“ Pfade (dieses von M. Andracks Tochter erfundene Wort beschreibt es sehr treffend), die tollen Aussichten und die netten Begegnungen auf dem Weg. Natürlich gibt es auch Momente, in denen ich mich allein recht unwohl fühle (es gibt nämlich dunkle und lichte Wälder, optisch wie energetisch) oder auch mal Angst habe, z.B. wenn ein Weg sehr steil abwärtsführt oder wenn ich Höhenschwindel habe und weit und breit kein Mensch ist, der mir „Halt“ gibt. Oder wenn ich ein Weidegatter erklommen habe und dann oben hänge und nicht mehr herunterkomme, weil mir so schwindelig ist und meine Beinchen zu kurz sind, sie schwungvoll drüberzuheben. Es muss echt komisch ausgesehen haben! Vielleicht gut, dass keiner da war?

Ich gehe auch gern mit (m)einer kleinen Gruppe wandern, die sich im letzten Jahr nach und nach zusammengefunden hat. Bei größeren Gruppen fällt es mir oft schwer, mit den anderen Schritt zu halten. Daher wandere ich ganz gern alleine oder zu zweit. Letzteres vor allem, um die vielen tollen Momente auch mit jemanden teilen zu können. Ich muss zwar einerseits keine Tageskilometer abreißen, andererseits zähle ich schon genau mit und führe Tagebuch über meine Touren und bin total stolz, dass ich in 18 Monaten etwa 1000 km gewandert bin!

Das Freiheitsgefühl beim Wandern kommt bei mir aber eher auf, wenn ich alleine unterwegs bin. Ich fühle mich dann, als hätte ich gar keine Verpflichtungen im Leben und unendlich viel Freizeit. Der Alltag(-sstress) tritt völlig in den Hintergrund. Dass die Arbeit währenddessen zu Hause liegen bleibt, ist in diesem Moment unwichtig. Ich schalte ab, wenn ich den Rucksack aufsetze und losziehe. Auch das „Belohnungsbier“ oder Kaffee und Kuchen im Anschluss gehören dazu!

Jede Wanderung hinterlässt bei mir ein großes Glücksgefühl, das noch gut zwei Tage anhält. Danach beginnt dann die gedankliche Planung und die Vorfreude auf die nächste Tour – die konkrete Planung mache ich aber oft erst am Abend vorher, meist sehr spontan.

Ich liebe es, wanderblogs wie den von Elke Bitzer zu lesen und mich inspirieren zu lassen. Ich bin eine Sammlerin. Ich habe sehr viele Wanderbücher und Landkarten, aber so viel Input kann auch lähmend wirken und so bleibt manches bisher nur eine Idee. Es gibt so viele schöne Gegenden, allein nur in Deutschland…

„Nur wo man zu Fuß war, ist man auch wirklich gewesen.“     (Goethe)

Aurora

(erstellt am 30.01.2017 im Rahmen der Blog- und Leserparade „Wandern ist für mich…“, angeregt von Elke Bitzer https://.fotografischereisenundwanderungen.com)

Nachtrag:

Sommer 2017: Mittlerweile mache ich neben Wandern auch anderen Sport, habe vor einem Berganstieg kein Grauen mehr und mein Rheinsteigprojekt habe ich am 3. August, so ziemlich genau nach zwei Jahren beendet. Natürlich überlege ich schon, welcher Weitwanderweg der nächste sein könnte. Bereits begonnen habe ich mit dem RheinBurgenWeg, dem Saar-Hunsrück-Steig und dem Neanderlandsteig. Insgeheim bewundere ich Menschen, die einmal durch Deutschland oder gar um Deutschland rundherum gewandert sind (z.B. Günter Schmitt). Oder wie Jessi von „bunterwegs“, die von Hamburg nach Nepal wandert. Wer weiß, vielleicht habe ich ja irgendwann wieder ein neues Ziel….?